Handelsblatt-Perspektiven Aktuell 11/2007

Extremer Biss.

Jürgen Cappell gewinnt die „Karriere des Jahres im Mittelstand“:
Er tauschte Sicherheit im Konzern gegen eine Herausforderung.

Zu Weihnachten gab’s fürs gesamte Team ein deftiges Ritteressen auf Schloss Neufahrn. „Davon zehren die Leute das ganze Jahr“, schwärmt Jürgen Cappell. „Er weiß noch, wie es unten war“, kommentiert sein ehemaliger Chef und Kollege Bernd Schliewe die zünftige Weihnachtsfeier.
„Cappell erinnert sich genau daran, was ihn selbst begeistert hat und was er an seinen Chefs nicht gut fand.“ Für seine herausragende Karriere zeichnet das Handelsblatt Jürgen Cappell mit der „Karriere des Jahres im Mittelstand 2007“ aus: Innerhalb von vier Jahren stieg der 39-Jährige beim Mittelständler Pfleiderer vom Leiter des Rechnungswesens zum Finanzchef Westeuropa auf. Nun verantwortet er die Finanzen jener 2500-Mann-Einheit, die dem Mittelständler mit 900 Millionen Euro den halben Umsatz beschert.

Cappell passt in den Mittelstand wie ein Fisch ins Wasser: Er krempelt, wenn es sein muss, selbst die Ärmel hoch. Fackelt nicht lange, sondern entscheidet gern und schnell. Und er setzt sich durch. Dass er dabei immer offen, klar und berechenbar handelt, sehen Freunde als Stärke. Ganz anders als Menschen, die in einem globalen Unternehmen oder in der Beratung Karriere machen, hat Cappell nie seinen Lebensmittelpunkt aus Nürnberg verlegt.
Ein paar Monate in Regensburg, eine kurze Zeit in Freiburg. Das war’s. Jeden Tag fährt er die 50 Kilometer aus Nürnberg, wo er mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen lebt, ins oberpfälzische Neumarkt. Zwar muss er mehr reisen, seit er Finanzchef Westeuropa ist. Doch er bleibt einer aus der Region.
Dabei hatte Cappells Karriere unter ganz anderen Vorzeichen begonnen: Die Stammhauslehre zum Industriekaufmann macht er bei Siemens, wo er auch während seines BWL-Studiums als Werkstudent arbeitet und gleich nach dem Examen in der Planung und Auswertung einsteigt. „Er hatte einen extremen Biss, Aufgaben zu lösen, und war immer bis zum Schluss begeistert“, erinnert sich Bernd Schliewe, sein erster Siemens-Chef, inzwischen selbstständiger Unternehmensberater. Schliewe bechreibt den Diplom-Betriebswirt Cappell als „sehr selbstbewusst, mit starkem Kopf und gutem Bauch“. Alle Siemensianer sagen ihm eine herausragende Laufbahn voraus. Noch zwei, drei Jahre, dann steht der nächste Karriereschritt an. So war es schon immer im Konzern. Noch ahnt keiner, dass Cappells Weg raus aus dem Sicherheitsnetz führen wird.

Als Headhunter Patrick Smague ihm den Job als Leiter Konsolidierung beim angeschlagenen Mittelständler Pfleiderer anbietet, schlägt Cappell zu. Er will nicht länger Rädchen im Getriebe sein, sondern Antriebskraft.
Die Absicherungsmentalität passt nicht zu ihm. Er will ran ans Steuer. Die Siemens-Kollegen sind schockiert. Nur noch sechs Monate, dann hätte Cappell die Siemens-Pensionsansprüche in der Tasche. Doch das schert ihn
nicht. „Diese Mühlen mahlen zu langsam“, befindet er und steigt aus. Geduld ist nicht gerade Cappells Stärke, weiß auch der Headhunter, mit dem er inzwischen befreundet ist. Sein ehemaliger Siemens-Chef Wilhelm Prechtl, inzwischen Leiter Controlling & Accounting im Konzern, bedauert den Schritt. Doch er weiß, Cappell ist ein Mitarbeiter, der alles hinterfragt, kein „Befehlsempfänger“. So einen kann man nicht umstimmen. Bei Pfleiderer geht alles ganz schnell. Es ist ein fordernder Job. Auch wenn Cappell immer wieder betont, er stelle die Karriere nicht über alles, die Familie gehe vor, so arbeite er doch permanent am Anschlag, weiß Smague.

Cappell verantwortet den Konzernabschluss sowie das zentrale Controlling und krempelt den Laden um – nach seinen Worten ein zweieinhalbjähriger Leidensweg. Er verkauft Geschäftseinheiten. Von den vier Säulen des Konzern bleiben nur die Holzwerkstoffe. Er ist federführend an großen M&A-Projekten beteiligt – wie dem Kauf der Pergo-Gruppe, des schwedischen Marktführers für Laminat. Unter dessen arbeitet Cappell an der eigenen Karriere:
Die Stabsfunktion ist ihm zu weit entfernt vom Tagesgeschäft. Als er im April als CFO ins Operative wechselt, ist er endlich dort, wo er schon immer sein will. Ganz dicht dran und mittendrin.
Der Nürnberger, der so gerne in Bildern spricht, schafft eine Vision: „Wir sind die Navigatoren, die alle Informationen zur Verfügung stellen“, schwört er sein Team ein und fährt mit ihm zum Workshop an den Bodensee – das gab es noch nie im Finanzbereich.

Quelle: Handelsblatt-Perspektiven Aktuell 11/2007

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